Illegales Glücksspiel: Warum Behörden jetzt auch Spielestudios und Plattformen ins Visier nehmen

Klaudia Pfeiffer Gaming Expertin
Klaudia Pfeiffer
Gaming & Spiele Expertin bei Stadtgame

Bislang richtete sich der Kampf gegen illegales Online-Glücksspiel in Deutschland vor allem gegen die Betreiber selbst, also gegen die Seiten, auf denen tatsächlich gespielt wird. Das ändert sich gerade spürbar. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder erklärt inzwischen offen, dass auch Spielestudios, Plattformbetreiber, Aggregatoren und technische Dienstleister ins Visier geraten können. Für die Gaming-Branche ist das ein echter Perspektivwechsel, auch wenn er auf den ersten Blick nur Casino-Betreiber zu betreffen scheint.

Was die Behörden beim DACHL-Treffen konkret erklärt haben

Grundlage der neuen Linie ist ein Treffen der Glücksspielaufsichten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein Anfang September in Bern. Dort erklärte die deutsche Behörde, ihre Marktbeobachtung zeige illegales Glücksspiel als Teil eines komplexen Markt- und Unterstützungsökosystems. Neben den eigentlichen Anbietern könnten künftig auch Studios, Plattformen und Technikdienstleister als Adressaten für Maßnahmen infrage kommen.

Damit erweitert sich der Kreis derer, die theoretisch für Zwangsmaßnahmen wie Netzsperren oder Payment-Blocking infrage kommen, deutlich über einzelne Casino-Betreiber hinaus. Die vier Länder wollen ihre Zusammenarbeit dazu ausdrücklich vertiefen, unter anderem durch einen engeren Austausch über unterstützende Akteure und neue Geschäftsmodelle in diesem Bereich.

Der Frankfurter Ermittlungserfolg zeigt das Ausmaß

Wie groß das zugrunde liegende Problem wirklich ist, zeigte sich schon Anfang September. Bei einer Razzia in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet durchsuchten mehr als 100 Einsatzkräfte elf Objekte. Betroffen waren mutmaßliche Betreiber des unlizenzierten Anbieters Platincasino. Zwischen 2021 und Ende 2023 sollen darüber Spieleinsätze von rund 5,86 Milliarden Euro abgewickelt worden sein, eine Summe, die selbst erfahrene Ermittler überrascht hat. Hinzu kommen erhebliche steuerrechtliche Vorwürfe gegen die Beschuldigten.

Die Behörde selbst bezeichnete den Erfolg als Beleg für die enge Zusammenarbeit zwischen Staatsanwaltschaften und Glücksspielaufsicht. Genau diese Kooperation soll künftig auch bei der Unterstützungsinfrastruktur ansetzen, nicht erst beim fertigen Angebot für Spielerinnen und Spieler.

Warum Spielestudios und Plattformen überhaupt ins Visier geraten

Der Grund dafür liegt weniger in einer plötzlichen Verdächtigung ganzer Branchen als in der Funktionsweise moderner illegaler Angebote. Aggregatoren bündeln häufig Spiele mehrerer Hersteller für Betreiber ohne deutsche Lizenz. Plattformen wiederum stellen die technische Infrastruktur für Zahlungen und Zugriff bereit, ohne selbst als Casino aufzutreten. Ein Zahlungsdienstleister etwa muss nicht wissen, wofür sein System am Ende konkret genutzt wird, um trotzdem Teil der Kette zu sein. Wer als Dienstleister an dieser Kette mitwirkt, kann damit theoretisch zum Adressaten von Maßnahmen werden, selbst wenn er nie selbst Wetten oder Einsätze entgegennimmt.

Für die klassische Gaming-Branche betrifft das potenziell Bereiche fernab klassischer Casinos, etwa Communities, Marktplätze oder Zahlungsdienste, die eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht waren. Krypto-Casinos nutzen längst gezielt Discord-Communities, um genau solche Zielgruppen zu erreichen, ohne dabei selbst als klassischer Betreiber aufzutreten.

Diese Themen bestimmen den Glücksspielrechtstag 2026

Am Donnerstag trifft sich die Branche zum zwölften Deutschen Glücksspielrechtstag in Frankfurt, unter dem Motto „Mission Kanalisierung, impossible?“. Auf der Agenda stehen ausdrücklich Chancen und Herausforderungen neuer Medien und Technologien, mit besonderem Fokus auf künstliche Intelligenz, dazu ein eigener Programmpunkt zum Jugendschutz sowie ein Themenblock zu Soziallotterien. Welche konkreten Beschlüsse daraus hervorgehen, stand zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht fest. Die Themensetzung allein zeigt aber bereits, wohin sich die Debatte bewegt.

Ergänzt wird das Programm um Fragen zum Straf- und Steuerrecht. Ein direkter Bezug zum Frankfurter Verfahren liegt damit nahe. Wer die Entwicklung verfolgt, sollte in den kommenden Tagen auf offizielle Stellungnahmen der GGL achten, nicht auf vorschnelle Interpretationen einzelner Konferenzbeiträge.

Was das für die Gaming-Branche bedeutet

Für etablierte, lizenzierte Studios und Plattformen ändert sich durch die neue Linie zunächst wenig. Sie waren nie Ziel der Maßnahmen gegen Platincasino und vergleichbare Anbieter. Relevanter wird die Entwicklung für alle, die Infrastruktur, Zahlungswege oder Reichweite bereitstellen, ohne genau zu prüfen, wer diese am Ende tatsächlich nutzt, ein Muster, das sich zuletzt auch beim Handel mit CS2-Skins als Finanzasset zeigte.

Fünf Jahre nach ihrer Gründung verfügt die GGL inzwischen über rund 100 Mitarbeitende und hat ihren Vollzug bereits erfolgreich auf große Plattformen wie Google ausgeweitet, wo seit 2024 nur noch lizenzierte Anbieter werben dürfen. Der nächste logische Schritt in Richtung Studios, Aggregatoren und technischer Dienstleister wirkt vor diesem Hintergrund weniger nach einer Ausnahme als nach einer konsequenten Fortsetzung derselben Strategie, mit der die Behörde bereits gegen Werbung und Zahlungswege vorgegangen ist.

Fazit

Die Botschaft der Behörden ist eindeutig, auch wenn die konkrete Umsetzung noch offen bleibt. Illegales Glücksspiel wird zunehmend als Ökosystem verstanden, nicht als Ansammlung einzelner schwarzer Schafe unter den Betreibern. Wer als Studio, Plattform oder technischer Dienstleister in diesem Ökosystem eine Rolle spielt, sollte die Entwicklung um den Glücksspielrechtstag 2026 aufmerksam verfolgen, auch wenn er selbst nie ein Casino betrieben hat.

 

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